Max Dauthendey - Rennewart - Raubmenschen

Ich überlegte indessen, wie das möglich sei, daß eine Dame in Frankreich einen grauen deutschen Lodenmantel tragen könne. Natürlich mußte dies eine deutsche Dame sein; wahrscheinlich eine Malerin aus der Künstlergesellschaft, die sich aus ganz Europa jahraus, jahrein in Pouldu, Concarnot und andern bretonischen Küstendörfern zusammenfindet. Am ersten Bauernhof des Dorfes Pouldu, das efeubewachsen in einer Bodensenkung, tiefer als die Roggenfelder, lag, sollte der Kutscher halten und für die Dame einen Brief, den sie aus dem Lodenmantel zog, in den Dorfbriefkasten werfen. Ich bot mich an, den Brief dem Kutscher auf den Bock zu reichen, wurde aber von zwei mißtrauischen jungen Mädchenaugen leicht dankend abgewiesen und zog mich wieder in meine Wagenecke zurück. Zwischen Efeumauern der grün eingewickelten Bauerngehöfte, an kleinem Gartengemäuer vorüber, daran sich grunzende Schweine rieben, vorbei an wütend kläffenden Hofhunden, bog der Wagen talabwärts, an einem Acker voll blühender Obstbäume entlang, und hielt vor dem letzten, einzelnstehenden Dorfhaus, dem einzigen Gasthaus von Pouldu. Ich stieg aus und wollte der Dame im Lodenmantel beim Aussteigen helfen, aber sie sprang auf der andern Wagenseite ohne Hilfe ab und lief in das Haus, wie eine, die hier bekannt und zu Hause ist. Das weiß getünchte, einstöckige einsame Gasthaus, an der vom Staub ebenfalls weiß getünchten Landstraße, schien mit seinen sechs menschenleeren Fenstern und seiner totenstillen Haustür wie in einem Winkel am Ende der Welt zu liegen. Ah, dachte ich, die Stille des Atlant und der weiße Widerschein des Giganten, der immer noch unsichtbar bleibt, wohnen auch hinter den sechs Fenstern des Gasthofes und sitzen kalkhell an der Landstraße. Und das kleine Gasthaus, das so weiß leuchtete wie vorhin die weiße Spinne an dem Seil, und das keinen Laut von sich gab, gefiel mir gut und lockte mich anheimelnd. Vorhin, als – wie der Anfang eines Romanes – das mystische Mädchen im Lodenmantel in meinen Wagen gestiegen war, hatte ich meine Sehnsucht nach dem Atlant für Augenblicke vergessen; jetzt kam, gleich einer zurückgewichenen Flutwelle, die Sehnsucht, den Atlant zu schauen, groß und mächtig wieder; ich wollte mir gar keine Zeit nehmen, in das Gasthaus zu gehen, und ließ nur mein Gepäck hineintragen. Unter der Haustür waren zwei Dienstboten erschienen, in Bretonentracht, schwarz gekleidet wie Nonnen, mit weißen, platten, engansitzenden Häubchen auf dem Kopf. Unter den weißen Leinwandkapseln der Hauben verschwanden Haar und Ohren, und jedes Dienstbotengesicht saß eingerahmt wie in einem weißen Joch. Das schwarze Samtmieder reichte den Mädchen wie ein Panzer bis an den Hals. Schwarze Ärmel und schwarze Röcke mit schwarzen, breiten Samtstreifen am Rand verfinsterten die Tracht und die Gesichter, die jung sein sollten; diese Gesichter hatten einen blutleeren Schein, als strahlten sie nur kahle Nüchternheit und kahle Haussorgen aus. Ich fragte die beiden einfältigen schwarzen Gestalten nach dem Wege zum Meer. Die beiden Schwarzen standen oben auf den drei Treppenstufen der Haustür und begannen bei meiner Frage mit ihren Armen, wie zwei kleine Windmühlen, vor dem weißen gekalkten Haus umherzufuchteln. Die eine deutete eifrig nach Westen und Norden, die andere nach Osten und Süden, als wäre das große Meer überall, als wäre es, wie der Himmel, sogar über dem Hausdach, dicht vor uns und dicht hinter allen Dingen. Ich genierte mich, daß beide Frauen das Meer in den Taschen zu haben schienen, und daß sie taten, als schwämmen Haus, Landstraße, Dorf und Hecken mitten im Atlant, indessen ich das ersehnte Wasserungeheuer doch durchaus noch nirgends entdecken konnte. Wenn ich auf die Düne wolle, müsse ich mich über einen kleinen Fluß, quer über der Straße am Ende eines Steinfeldes übersetzen lassen, drüben seien dann Düne und Meer; wolle ich aber an das

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