Max Dauthendey - Weltbild-Weltfestlichkeit

Um das Jahr 1890 hatte ich heimlich angefangen, manches kleine Gedicht zu schreiben, kleine balladenartige Gedichte, Empfindungsergüsse, die sich in nichts unterschieden von den tausend Reimereien, die jeder ein wenig gebildete, schreib- und lesefähige Mensch zustande bringen kann, und die man nicht Gedichte nennen darf, nicht Dichtungen. Reimverfasser dieser Art sind vom wirklichen Dichter, der den Namen Dichter mit Würde tragen darf, so weit entfernt, wie es ein Schaukelpferd, ein Spielzeug, vom Schulpferd und Rennpferd ist. Ich wußte, daß mir viel fehlte, aber wußte keine Richtung zu finden. Da lernte ich in dieser Zeit einen jungen Studenten kennen, mit welchem ich nach der Tanzstunde, die wir damals besuchten, manche Stunde nachts plaudernd in den Straßen der Stadt spazieren ging oder in einem Kaffeehause saß. Unsere Bekanntschaft war dadurch entstanden, daß jener junge Mann, der Medizin studierte, mich ganz unvermittelt gefragt hatte, ob ich schreibe. Die Frage erstaunte und verblüffte mich. Und der Frager sagte, als ich zustimmte, er habe an meiner Kopfform erkannt, daß ich künstlerisch tätig sein müsse, daß ich mich mit Phantasiearbeit beschäftigen müsse. Ich vertraute ihm an, daß ich einige Verse geschrieben hätte, aber daß ich das noch keine Dichtung, keine Phantasiearbeit nennen könne. Aber seit dieser Frage unterhielten wir uns öfters, und er versuchte mich, da er zum Philosophieren neigte, für die Gedankenwelten der verschiedenen Philosophien zu begeistern. Meine Empfindungswelt kam mir zwar reicher vor als alte Gedanken, über die wir zusammen sprachen. Aber ich hörte doch gerne seiner mir fremden Welt zu, ließ mir von ihm Schopenhauer vorlesen und hörte seine Erörterungen

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