GEDICHTE VON MAX DAUTHENDEY

Rosenduf t Weinrot brennen Gewi tterwinde. Purpurblau der Seerand. Hyazinthent ief die ferne Küste. Ein Regenbogen veilchenschwül Schmi lzt durch weihrauchblaue Abendwolken. Im Taudunkel lacht Eine heiße Nachtigall. Kommt durch das Fenster der Rosengeruch Als zärtlich lieblicher Besuch Kommt durch das Fenster der Rosengeruch; Geht mi tten unter die Tagessorgen Und zeigt auf die wirkenden Gärten im Morgen. Mir ruht die Arbei t kurz st i l l in der Hand. Auch Sorg` lebt mit Rosen eng Wand an Wand, Denk` ich, und fühle mein Blut versüßt, Als ob mich im Geist ein Geist warm küßt, Der mich von meiner Liebsten grüßt. Morgenduf t Schwergebogen nasse Äste, Trübe Aprikosenblüten. Unter tiefen Wolken schleichen Feuchte Wege. Aschenweiche tiefe Wälder, Kahle, perlenmatte Fjorde. Kaltes Schi lf. Auf glasigem Grunde spielen scheue Rosenmuscheln. Maienhölzergerüche beglei ten die Abendluf t , die l inde Gerüche von wi ldem Rosenholz und von Maibirkenrinde, Maienhölzergerüche begleiten die Abendluft, die l inde,

Und sind wie die Gespielen der Blättergewinde, Geruch der harzigen Fichtentriebe, der hel len, Der Weichselgeruch und der Duft von Schlehblütenzel len. Über die Gräser der Hügel an al len Stel len bergauf, bergab, Kommen die Bäume zu dir durch die Luft von wei tem schon, Als zögen sie atmend am Wanderstab Verl iebt in al le Welt davon. Resedaduf t Lilakühl das Schweigen nach dem Regen. Blaue Winde fl ießen über dunkle Ackerfurchen. Im l ichtgrünen Himmelskelch Öffnet sich der erste Stern. Regenduf t Schreie. Ein Pfau. Gelb schwankt das Rohr. Gl immerndes Schweigen von faulem Holz. Flüstergrün der Mimosen. Schlummerndes Gold nackter Rosen Auf braunem Moor. Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln. Grani t blank, eisengrau. Matt im Si lberf lug Kranichheere Über die Schaumsaat stahlkühler Meere. Jasm in Wachsbleich fl ießt die Sommernacht. Auf erddunkeln faulen Lachen Bleisüß rosigblaue Irishäute. Wetterleuchten, Schwefelgrün, in Spl i ttern. Eine weiße dünne Schlange sticht Züngelnd nach dem blauen Mond. Faulbaumduf t Weiß der Park, ein Korallenhain. Eisfäden schneiden den See. Grün gleißen Pfauen im Sternenschein Auf ätherblauem Schnee. Scharfblanke Höhlen, Goldätzend in Helle.

Auf hyazinthener Schwel le Brütet scharlachen ein Mond. Meerwassergeruch Ein Blau aus fliehenden Wäldern Sengend, nachtheiß. In hohler Weite schneidend weiß. Sand bis zum Erdrand. Wolkenschatten in schwarzbleichem Zug, Stumme Geier in lohendem Flug, Röchelnde Stille. Gelb zücken die Lüfte. Fern Donner Blutet schwarzrot Durch eisige Klüfte. Max Dauthendey 1867 - 1918

Alleingelassen bei Erinnerungen Jetzt si tzt der weiße Schlaf vor al len Wintertüren, Die Fenster sind gleich blassen Eierschalen, Dahinter leben Straßen vol l Gespenster Und St immen, die uns ferne Menschen malen. Man kann die Wel t nicht sehen und nur spüren. Wie Bl inde ahnt man dunkel das Geschehen, Alleingelassen bei Erinnerungen, Die an den Türen wie die Bettler stehen, Die bei den Ofenf lammen warm sich rühren, Erregt mi t nimmersat ten Hungerzungen. Sie können uns an magern Händen führen Und haben in der Asche noch nicht ausgesungen. Max Dauthendey 1867-1918

Am Morgen war der Fluß verschwunden, Hab' nur eine Nebelmauer gefunden, Die dicht bis an mein Fenster ging, Als ob der Fluß im Himmel hing. Hoch aus dem Nebel kam Gesang, Am Bergufer gingen die St immen ent lang, Als ob sich Menschen der Erde entrücken Und werden zu Riesen auf Nebelbrücken. Und körperlos wie des Todes Auen Tat der singende Nebel ins Fenster mir schauen. Als ob die Welt im Tod verschwand, Mein Haus nur einsam am Wel trand stand. Da war kein Himmel , da war kein Land, Nur die Liebste hiel t mir noch warm meine Hand. Max Dauthendey 1867-1918

Amsel singt im Himmelssaal Amsel singt im Himmelssaal . Eine kahle Pappelspitze Wählte sie sich aus zum Sitze Für ihr Lied hoch überm Tal. Wolken fl iegen in den Raum, Wie die Pferde ohne Zaum, Jagen an dem Berg entlang, Leidenschaftl ich von Gebärde Wie der frische Amselsang. Max Dauthendey 1867-1918

Apri l spricht Geistersprache Wie ein Vergoldermeister Sitzt er am Nachbardache, Spritzt Goldschaum auf Taube und Tauber, Beklebt die Zimmer l ichtsauber, Belebt die Fenstergardinen, Den Staub auf alten Tischen, Vergoldet Falten und Mienen, Sein Zauber wi l l nie mehr verwischen. Auf meinen Stühlen si tzt st i l l , Ich seh` ihn mi t blumigen Gl iedern, Ein Geist von Liebesliedern, Der dreist erlöst sein wi l l . Max Dauthendey 1867-1918

Bei den Sturmwinden Bei den Sturmwinden, Die in den Urgründen wühlen, Denken viele, dass sie Wege finden, Die zum letzten Ziele münden. Wenn der Wind die Nächte aushöhlt Und sie zu einer heulenden Muschel macht, So hat er es doch nie weiter gebracht Und hat nie das Letzte zu Ende gedacht. Er treibt mi t der Luft seinen Tanz Und gibt den Gedanken Stimme und Resonanz. Aber kein Schicksal gerät ins Wanken. Der Wind tut, als dürfe er niemals rasten, Und schleppt laut sein Dasein, wie tausend Lasten. Aber der Himmel bleibt ewig sein Schneckenhaus; Er hängt immer dar in und kommt niemals heraus. Aus: Der weiße Schlaf - Lieder der langen Nächte Max Dauthendey 1867-1918

DasDunkel sitzt in denToren Zur Nachtzeit wachsen den Gassen, Den Winkeln heiml iche Ohren. Das Dunkel steht gelassen Und horchend unter Toren. Denn was die Füße der Leute, Die übers Pflaster klappern, Am Tage schwätzten heute, Das möchten die Steine plappern. Dann hörst Du Schri tte um Ecken, Und niemand kommt gegangen. Es spielen da Schritte Verstecken, Schri tte, die längst verklangen. Hörst einen hast ig rennen, Als möchte sein Leben sich sputen. Du kannst sein Seufzen erkennen, Als müßten die Füße ihm bluten. Hörst leichte trippelnde Sohlen, Die möchten gar nicht ei len; Und schwere folgen verstohlen, Mit ihnen das Pflaster zu tei len. Das Dunkel sitzt in den Toren, Und tote Schri tte rauschen. Das Dunkel ist vol ler Ohren Und möchte vom Tag was erlauschen. Max Dauthendey, 1867-1918

Das erste Herbstblatt Das erste Herbstblatt leuchtet wie Blut, Als ob verwundet im Strauch einer ruht . Sein Blut von Blatt zu Blatt st i l l tropft, Sein Tod an al le Bäume klopft. Die Sonne brennt so st i l l und stumm, Das rote Blat t geht drohend um, Als müßte ein Mörder im Strauchwerk stehen Und wi ld sein Blutdurst am Weg umgehen. Und abends steigt der Rauch dann auf. Als sei das Land ein Kehrichthauf` , So lastet am Fluß ein schwüler Dunst Wie der letzte Atem der Sommerbrunst . Max Dauthendey 1867-1918

Das Geisterhaus Das Geisterhaus, das aus Gerüchen aufgebaut, Oft nah, daß ich neu wohne in längst Al tem. Dort wusch man einst die Leiche meiner Mutter, Im Garten lernten mich die Blumen kennen, Die Gartenblumen, die besonnen blühen. Und draußen stand behagl ich Korn und Klee Und duftete Begehr, und heute weiß ich, Daß al le Düfte über Feld und Gärten Die Liebesl ieder al l der Blumen sind. Doch damals unverstanden gingen Frühl ingsnächte, Noch kindl ich schl ief der Mond im weißen Baum, Nur reich entsinn' ich körperlose Freuden, Wenn dumpfe Wolken an den Himmel st iegen, Ein Augenblick schoß aus den Ewigkeiten, Er zeigte klein die Menschen, groß den Himmel. Im Winter, wenn die Tage bl ind geworden, Wuchsen die Menschen breit im sichern Hause, Das bi lderreiche Feuer wärmte Träume, Und Träume wurden Sonnen langen Nächten. Und viel noch weiß ich von Geheimnisdingen, Denn mehr verwandter als die Menschenherzen Waren die Herzen mir der Tiere und der Pflanzen. In Sommernächten, wenn die Gri l len spuken, Wenn ganze Heere eine Nacht besangen ... . . . Die furchtbar stummen Katzen in ver lassnen Kammern,

Die durch verschlossne Türen jäh verschwinden, Mit Augen, die entsetzl ich Fremdes wissen, Sie haben mehr erspäht als al le Menschen. Und Schmet ter l inge, die im Himmel wohnen, Sie, die versargt gewesen in den Puppen, Sie kamen oft zu mir dicht auf die Erde Und legten l ichtbestaubt die Baldachine Flach in die Sonne, sprechend zu der Sonne. Die Tage wurden so unirdisch lang, Mit tausend Flügeln sangen die Insekten. Ich lebte mi t der f l inken Eintagf l iege Die sechzig Jahre in der einen Stunde. Doch später kürzten sich im Haus die Jahre, Die Falten der Gesichter lehrten zählen, Sie kamen näher, näher und verwandter, Doch sehe ich auf sie, die abgeerntet haben, Ungläubig noch, mi t jenen unerschöpften Augen, Die vol l Unsterbl ichkeit hei l iger Jugend. Max Dauthendey 1867-1918

Das weiße Volk der Sommerwolken Steigt in den brei ten Fensterrahmen. Gestal ten, die verhext wie aus Gehirnen kamen, Und keine Hand kann sie mehr hal ten, Sie wachsen über Bergen sich zusammen. Wie ein dämonisch Schauspiel ist ihr Wandern, Sie hängen wie auf blauer Bühne oben, Sind Puppen, in den Händen eines ändern An Schnüren unsichtbar zum Spiel geschoben. Sind Masken, die Gesichter wi ld Verkappen. Sind Bl inde, die im blauen Dunkel tappen. Gewänder, deren Falten mit Grimassen Verborgne Leidenschaften ahnen lassen, Mi t wei ten Gesten durch die Lüfte streichen. Sind Komödianten, die im Liebespiel erglühen Und sind Tragöden, welche jäh erbleichen. Als baut das Menschenherz sich Allgewalten Ins Blau hinaus, sind Fäuste, die sich bal lten. Als sind da Flüche, die nicht mehr zu zähmen, Heere von Wünschen, die Gestal ten gern bekämen. Und al le Wolken tragen hel le Stirnen, Sie stehen grübelnd oft auf einer Stel le Und sind gedankenvol l im Weitergehen Und Suchen ihren Tod zur Tiefe wie die Welle. Und neu steigt Wolk um Wolke auf als Riese, Als riefe sie ein Stichwort in das Blau. Herein schiebt Landschaft sich und Bergkul isse Hoch in den endlosen Theaterbau.

Schon viele Helden auf der Bühne fielen, Doch niemand sah den Anfang, noch das Ende Von jenen wolkengroßen Puppenspielen. Jahrhunderte sie schon in Szene gehen; Wir, welche zuschaun müssen, al l ' ergraun Und sterben überm Sehen. Max Dauthendey 1867-1918

Der Jungrosen Dorn Als ob von Freude ein Regen fiel, Ist jetzt an grünen Dornen Der wilden Rosen Spiel. Sie hängen an allen Wegen Mi t Lachen und leichtem Drängen, Als ob verschämte Gedanken Mädchen verlegen machen. Aber der Jungrosen Dorn Ist weich noch. Wi l l er dein Blut, Nimmt er` s im Übermut , Und lachend ist sein Zorn. Max Dauthendey 1867-1918

Des Himmels Stuben wei t offen stehen Lieg' mi t dem Kopf im Sommergras, Dürrhalme stehen wie Gi t ter umher; Die Gri l len freien ohn' Unterlaß Rings in dem strohernen Gräsermeer. Die Halme tanzen dem Wind zu wi l len, Mit tausend Liedern freien die Gri l len. Des Himmels Stuben wei t offen stehen, Wer l iebt, der kann sich drin fl iegen sehen. Max Dauthendey 1867-1918

Die Amseln haben Sonne getrunken Die Amseln haben Sonne getrunken, aus allen Gärten strahlen die Lieder, in al len Herzen nisten die Amseln, und al le Herzen werden zu Gärten und blühen wieder. Nun wachsen der Erde die großen Flügel und al len Träumen neues Gefieder; al le Menschen werden wie Vögel und bauen Nester im Blauen. Nun sprechen die Bäume in grünem Gedränge und rauschen Gesänge zur hohen Sonne, in al len Seelen badet die Sonne, al le Wasser stehen in Flammen, Frühl ing bringt Wasser und Feuer l iebend zusammen. Max Dauthendey 1867-1918

Max Dauthendey 1867-1918 Die blaue Kornblum wohnt versteckt Die blaue Kornblum wohnt versteckt, So hab ich meinen Schatz entdeckt. Sie kann nicht meinen Händen wehren, Wiegt sie wie's Sommerfeld die Ähren. Die Ähren sind jetzt körnerschwer, Als läg schon Brot mannshoch umher, Und nahrhaft wie im Bäckerhaus Sieht` s an der langen Landstraß aus. Mein Schatz die Ähren streicheln tut. "Nach Leben riechen sie so gut," Sagt sie. Und schau ich roten Mohn, So fang ich auch sein Feuer schon. Ich gäb gern al le Ähren her, Und gern wär mir die Hand brot leer, Bl ieb mir am Lebensend davon Liebe betäubend wie der Mohn.

Die bunten Astern Die bunten Astern sind wie ein Regenbogen In den nassen Garten eingezogen, Wie Gesichter, die schon etwas frieren. Die großen Äpfel an den Spal ieren, Die hängen wie trutzige Köpfe dort; Bald trägt sie mein Schatz in der Schürze fort. Der Morgen ist kal t und die Blätter sind al t; Bald hat die Nacht ständig die Obergewalt. Und wenn die Astern den Garten verlassen, Wird der Winter die Menschen anfassen. Trag jeder seinen Garten beizeiten ins Haus, Bei einem Schatz geht der Sommer nicht aus. Max Dauthendey 1867-1918

Die Dächer im Jul i tag brüten Der Sonntag der kug' l igen Linden, Der hat jetzt abgeblüht , Sie stehen so sti l l und empfinden Den Montag in ihrem Gemüt . Die Dächer im Jul i tag brüten, Behüten die Menschen und Stäl le. Die Tauben, die fliegenden Fächer, Sie f lattern zur Brut in die Zel le. Der Abend, wie dunkle Ratten, Kommt ohne Laut und Rauschen, Er st iehl t dir den Freund, deinen Schatten, Und macht dich argwöhnisch lauschen. So zwang der Juli die Halm' Auf jeder Wiese zu Heu, Vom verl iebtesten Frühl ingsqualm Bleibt noch der Duf t di r treu. Max Dauthendey 1867-1918

Die gelb` und roten Dahl ien spiegeln sich Die gelb' und roten Dahl ien spiegeln sich Im flachen Wasser, das im Parkgrün glänzt; Die Luft ist wie das Wasser unbewegt. Die Seele al len Bäumen längst entwich, Sie stehen nur noch unbewußt bekränzt; Das Uferbi ld sich matt zum Spiegel legt. Schwert l i l ienkraut f iel um, sein Grün verbl ich; Und von metal lnen Wolken eng begrenzt Ein Stückchen Blau sich wie ein Auge regt, Ein blauer Blick, der sich zum Wasser schlich. Manch' Wolke, wie ein Drache wi ld beschwänzt, Mit grauem Leib den blauen Fleck durchfegt. Und unter Wolken treffen Menschen Dich Denen die Lieb' den Sommer neu ergänzt, Daß ihn kein Herbst aus ihrem Auge schlägt, Denen das Leben dann wie nur ein Tag verstrich. Max Dauthendey 1867-1918

Die grüne Stube Gern ich ein Jul ifeld mir küre Als grüne Stube ohne Türe. Bin Hausherr dort, bin nicht al lein, Es ziehen tausend Mieter ein: Die Hummel , die wie` s Feuer summt, Die Gri l le, die niemals verstummt, Die Krähe, die nach Regen schreit, Der Himmel und die Ewigkei t. Ich si tz´ im grünen Staatsgemach Und denk` der kleinsten Ameis` nach, Und meine Möbel und Gardinen Sie haben stündl ich neue Mienen. Heut sind sie grau und morgen hei ter, Das Muster webt von selber weiter. Ich kann dort ganze Stunden l iegen, Den Kopf auf meinen Schul tern wiegen, Und kommt der Abend st i l l heran, Hab ich unendl ich viel getan; Sah ich nur in der Hecke drin Dengelnd ` ne kleine Schnitterin. Und wird sie dabei etwas rot, Dank` ich für meine Mieter Gott, Bin mi t der grünen Stub` zufrieden, Und denk` : man wohnt doch gut hienieden. Max Dauthendey 1867-1918

Die Herzensfrau Der Mi t tag l iegt mi t mi r im Gras, Die Wolken ziehn tiefblaue Straß, Die Wel t ist grün und weiß und blau, Zu mir setzt sich die Herzensfrau. "Rot," spricht sie, "ist die ganze Welt, Wenn man zum Kuß den Mund hinhäl t." Max Dauthendey 1867-1918

Die Jahre Wie die fortgeworfenen Schalen von Nüssen, Wert los und einsam, machen die Zahlen, Die von al len Jahren den Menschen bleiben müssen, In al ten Bl icken, den st i l len und kahlen, Liegen die toten Jahre in Scharen, Die niemals aus dem Blut dir gefahren, Die in dir sich begraben wie in einem Spind Und dort wie mottenzerfressene Gewänder sind. Sie rascheln Tag und Nacht bei dir allein, Und nie mehr kann es um dich st i l le fein. Du sehnst den Tod und möchtest vom Frieden nur einen Happen. Der Tod ist wie ein neues Kleid vor deinen alten Jahreslappen. Schon gehen dir tägl ich viel Freunde im Tod verklärt um, Und die lebenden sind nie zu dir so zärt l ich stumm. Da ist kein Stuhl drinnen im ganzen Hause mehr, Wo du sitzen könntest. Kein Stuhl ist von den Toten leer. Aber die Lebenden, die jungen, die noch lärmen, Sehen nichts als Durst und Hunger in den eigenen Därmen. Sie sind dir toter noch in ihrer Gebärde Als die Gräber mi t ihrer hohen Hügelerde. Du kannst nicht lachen laut, wei l die toten Jahre lächelnd Schweigen. Weinst auch nicht, wei l die toten Jahre keine Rührung zeigen. Deine Hände reichst du nicht gern, sie sind fleischlos und mi lde, Und nur deine Augen folgen überal l, wie die Augen von einem Bi lde. Während die ändern um Lampen si tzen in der Sommernacht, Hat dir keine Lampe Licht in Die Kammern deiner Jahre gebracht; Und wie unter einem dunklen Baum stehst du verschwunden,

Und kein neuer Wein im Glas kann dir wie die al ten Weinjahre munden. Das Haus, das dich überlebt, sieht hoch zur geräumigen Nacht, Doch Du f indest es fremd, sei t du weißt, daß es nur für Lebende gemacht. Seit die Jahre und die Toten dich fortziehen von Giebel und Tor, Kommt dir das Haus wie ein Wirtshaus lärmend und kal tblüt ig vor. Und nur die Jahre, die dich zu den Toten langsam führen, Mußt du zuletzt noch als die besten Freunde spüren. Max Dauthendey, 1867-1918

Die kleinen schwachblauen Vergißmeinnicht Die kleinen schwachblauen Vergißmeinnicht Sind die Blumen vom wachsenden Vertrauen. Sie sehen dir offenherzig ins Angesicht Wie Gedanken, die im Denken aufschauen; Gedanken, die Pläne ins Grüne bauen, Von denen der Mund nicht laut spricht; Gleich den Augen der sti l len verschwiegenen Frauen, Die unter dem Maienhimmel auf tauen Und legen Geständnisse ab, die ihnen längst aus den Wimpern schauen. Max Dauthendey 1867-1918

Die letzte Wärme Die letzte Wärme kommt aus den Wegen mi t des Tages Geruch, Die Nebel sich bl ind um die Sonne legen wie ein dumpfes Tuch, Und es schließt sich die Ferne für alle Augen wie ein verstaubtes Buch. Nur ein Gedanke bleibt stets aufgeschlagen Auf deinen Lippen, die nach der Liebsten fragen. Max Dauthendey 1867-1918

Die Mondsichel Wie ein zartes golden geschmücktes Ohr Schiebt sich die Mondsichel hell hervor. Geht durch die Bäume den Waldweg ent lang, Erlauscht al le Sehnsucht auf ihrem Gang. Bleibt hinter den Blättern als Horcher stehen, Muß jedem, der kommt , zur Sei te gehen. Sie glei tet nach dir von Baum zu Baum, Sie horcht dich aus und folgt dir ins Haus Und lauscht noch an deines Bettuchs Saum. Max Dauthendey 1867-1918

Die Nacht saß auf den Tannen Und baute Nest bei Nest; Der Mond kam schmuck vom Berge, Als ging's zu einem Fest. Es hatte ihn lachend geladen Dein warmgeküßter Mund, Der Mond ward Laternenträger Bei unserer kostbaren Stund. Bald stand er auf der Tanne, Dann lag er dicht im Gras, Leuchtend köstl ichen Minuten, Auf daß uns keine vergaß. Max Dauthendey 1867-1918

Die Pappeln am Fluß Die Pappeln am Fluß sind noch winterkahl, Der Winterschlaf ihnen die Wirkl ichkei t stahl . Im Wasser spiegel t ihr Schat ten jetzt grün, Als ob die Schatten wie Laub aufblühn. Grün ist da unten der Spiegelwald, Dann landet das Grün am Ufer bald. Die kahlen Pappeln sich gerne besehen, Und Fische statt Vögel im Wald unten gehen. Max Dauthendey 1867-1918

Die Scharen von mächtigen Raben Es fl iegen im Abend tief über die Ähren Die Scharen von mächtigen Raben, Wie Geheimnisse lautlos, die sich begraben, Wie Gedanken, die sich im Zwiel icht mehren. Und es hängen die Ähren zum Straßengraben, Als ob sie Sehnsucht nach Menschen haben. Es steht noch ein Mäher im Klee, im dunkeln; Du hörst nicht die Sense, du siehst nur ein Funkeln. Es huscht noch ein Vogel schnell in die Hecke, Die Feldwege schlängeln sich hinter Verstecke, Die Raben kreisen und machen Runden, Tauchen unter und sind in der Erde verschwunden. Max Dauthendey 1867 - 1918

Die Schlafende unterm Nußbaum Der grüne Nußbaum mi t den grünen Nüssen Steht ausgebrei tet in dem Sommerraum, Mi t seinen Blätterschirmen rund gewei tet, Die lautlos deinen Schlaf behüten müssen. Und nur der Wolke dunstiger Schaum Begleitet in die Ferne deinen Traum. St i l l wie gestorben l iegst du in dem Blätterhaus, Und draußen trocknet Heu im Sonnenschein, Es schläft das sti l le Heu sich mit dir aus. Es dörren drinnen Blumen falb und klein, Sie wurden al l ' von Hitze ganz von Sinnen Und starben al le unterm Sichelbl i tze. Sie l ießen sich vom Tode minnen Und f ielen um auf ihrem grünen Si tze, Schlossen wie du die hel le Augenritze Und l iegen da mi t st i l len Rumpfen, Wie du im Schlaf, im dumpfen, Unter den Nußbaum deinen Leib gelegt, Indes dein Traum al lein dein Herz bewegt Und mi t der Wolke hinzieht an der Erde Saum. Tote und Schlafende, sie sind unendl ich, Sind kaum noch Schaum im Wel tenraum, Doch ist der Schlaf nur wie vom Tod der Flaum. Max Dauthendey 1867-1918

Die Schneeflocke Die Laternen leuchten kaum, Eng ist der weiße Raum Der schneienden Winternacht. Schneef laum fäl l t im Gedräng, Die Wege sind weich und erhel lt; Das Gestöber ist wie ein Blütenbaum. Kein Laut stört die fal lenden Flocken, Der Schnee sich stumm in der Nacht aufbaut, Und seine Sti l le geht wie ein Geist sinnend um, Als sitzt die Nacht spinnend an einem Wocken Und hat Flocke bei Flocke ausgedacht. Und morgen, wenn der Tag aufwacht, Fliegen über den Schnee die schwarzen Raben. Der Schnee kann die Nacht nicht begraben, Schnee und Nacht gleich dunkle Gedanken haben. Der Schneehimmel ist ein Berg ohne Ende, Seine Wände bescheinen am Tag die Straßen, Und die kleinen Schneeflocken kommen in al le Gelände, Wo zur Sommerzei t Blätter und Gräser saßen. Sie sind wie weiße Nul len mit rundem Leib, Sie kommen lebendig wie Bienen und Fl iegen Dunkel vor jede Fensterscheib' Und haben sich geräuschlos verstiegen. Eine weiße Maske l iegt auf jedem Dach, Darunter sehen Fenster den Flocken nach. Unhörbar macht der Schnee die Füße der Welt, Wie eine weiße Nacht vol l Schlaf, die am Tag niederfäl lt.

Schneeflocken sind die Seelen, die hochgeflogen, Die fortgezogen und der Erde zum Leben fehlen, Jetzt gleiten sie nieder und verbreiten Licht Und bescheinen geisterhaft jedes Gesicht. Der Schnee kommt aus der greisen Ewigkei t, Und er taut fort wie die Zei t , Eh du sie noch beschaut. Schau nicht zu lang in den Schnee Und nicht in den Schneeflockentanz! Dein Sinn wird grau, denn ohne Sang Ist ihr endloser Gang, wie Jahr um Jahr, Und sie flechten, wie das Alter ins Haar, Einen weißen leblosen Kranz. Wenn Schneeflocke bei Schneeflocke fällt, Und wohin die Schneeflocke faßt, Wachsen die Berge der ganzen Welt Und wachsen mit Hast sich selber zur Last. Die Wel t wird entstel l t und verblaßt, Als ob die Schrift eines Buches zerfällt; Und die Welt scheint schier weißes Papier. Eine Mondscheib' wird aus dem Erdleib, Geh oder bleib, du sinkst ein, Jeder Gedanke wird dir schwer und friert an den Stein, Denn ein Schlaf ohne Schranke l iegt umher, Und das weiße unendl iche Nichts wird dein; Die Unendl ichkeit läßt dich zu sich hinein. Befrei t von deiner Gestal t und der Zei t Wirst du wie Schnee so weiß und so kalt. Hattest du vorher wenig Gewal t und warst klein, Wirst du groß jetzt ein Nichts und vol l Ewigkei t sein, Dein Sein und dein Nichtsein schl ießt jede kleine Schneeflocke ein. Sie, die vor deinem Atem zerfl ießt, Die in deiner warmen Hand schnel l zerfäl lt, Wenn sie als Wand in deinen Weg sich stellt. Wird der eine des andern Geschick, Und schwer überlebt ein Auge den Schneebl ick. Max Dauthendey 1867-1918

Die Schwalben, die abends im Äther spielen Wie Pfeile, die in die Sonne zielen, Die Schwalben, die freien und sehnsuchtschlanken, Sind wie der Menschen verl iebte Gedanken. Die Schwalben, die abends im Äther spielen Wie Wünsche, die nie noch zur Erde fielen, Sind ruhlos wie Bl icke der Liebeskranken, Die Schwalben, die freien und sehnsuchtschlanken. Max Dauthendey 1867-1918

Die Sehnsucht peitscht Die Sehnsucht pei tscht mi t scharfem Dorn, Sie rei tet mich wi ld Und gibt mi r den Sporn, Und ob mein Herz strei tet, Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn Und rennt mi t mi r durch die Wände. Die Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer, Die Zunge wi rd mi r bi t ten, Und Durst klebt schwer In Gaumen und Brust . Und wie der Schaum auf Wel len lebt, So mir die Sehnsucht am Munde schwebt. Wie Wel len, die sich erdrücken müssen, Erdrücken sich meine verlassenen Lippen In Sehnsucht nach deinen Küssen. Max Dauthendey 1867-1918

Die Sonne sank... Es wird so dunkel , und mir wird so bang. Die Trennung von der Liebsten ist so lang. Ich zi t tre, l iege st i l l und atme kaum, - Ein Bl i tz f iel geisternd durch den Himmelsraum. Ich bin so schreckhaft wie ein Wi ld im Wald. Die Sonne sank; und kehrt sie wieder bald, So hab' ich nur das eine stets gedacht: Fern von der Liebsten ist es ewig Nacht. Max Dauthendey 1867-1918

Die Spiegel Warum werden Spiegel im Al ter mat t? Wei l jeder maßlos genossen hat. Denn sind sie glücklich, die schönen Frauen, Tun sie geschwind zu dem Spiegel schauen. Und mußten zarte Frauen mal weinen, Trocknen am Spiegel die Tränen, die feinen. Immer müssen die heiml ichsten Frauen Herzenswünsche dem Spiegel vertrauen. Wie oft habe ich einen Spiegel beneidet, Wei l meine Liebste sich an ihm weidet! Wie oft habe ich ihren Spiegel verflucht, Da ich warten mußte, wenn sie ihn besucht Gar manche hat al le Männer verhöhnt Und lächelnd nur ihren Spiegel verwöhnt. Ich schlüge gern al l ' die Spiegel ein, Sie verführen die Frau'n durch Schmeichelein. O Gott, wenn ich selbst doch ein Spiegel war! Denn jede trennt sich von ihm so schwer. Max Dauthendey 1867-1918

Die Sterne Die Sterne leben heute Nacht, Als sind sie eben zur Welt gebracht; Als bieten sich alle dem Leben an, Wie Kind und Weib und ein jeder Mann. Sie stehen in silbernen Gehäusen, Sie wehen wie Blumen in bl i tzenden Sträußen, Sie sehen durch kahle Winterhecken, Als glänzten Goldeier aus Erdverstecken. Sind wie die Eidechsen mit fl inken Schwänzen; Durchflechten die Bäume gleich gläsernen Kränzen; Als kämen Reiter, die unsichtbar bl ieben, Und nur die Funken der Hufe stieben. Sie sind die Fußstapfen der Ewigkeit, Die Mi l l ionen Augen am Kopf der Zeit. Sie leuchteten einst schon deinem Ahn` Und wachsen mi t deinen Kindern heran. Wohin wol len al le die Sterne nachts wal len, Und wo ist der Schoß, in den sie fal len? Wir gingen hinter den Sternen her, Und nirgends waren Wege von Sternen leer, Als wol lten sie dir ans Haar anstreifen, Als müßte dein Rocksaum durch Sterne schleifen. Sie hingen magnet isch um Dach und Wand, Über Hügel und Tal sich Sternenstaub fand. Sie bedrängten, wie nur verl iebte Gesel len, Den Leib der Erde an allen Stellen. Sie banden sich fest an unsern Schritt

Und gingen in hel len Gesel lschaften mit. Sie lassen uns nirgends heut nacht al lein, Sie spüren, wie Menschen, durch Türen herein. Sie wollen, daß wir die Augen schließen Und uns nur fühlen und nichts mehr wissen, Dami t sie ihre knisternden Wege gehen, Sie, die wie wir vol l Flammen stehen. Max Dauthendey 1867-1918

Die Vogelbeer Die Vogelbeer` hat sich rot hingehängt, die Vogelbeer` , die aus dem Grün rot drängt. Die roten Büschel im Blau und Grün Sie wol len, sagt man, als Zeichen glühn, Ein langer Winter sol l es werden, Ein langes Dunkel zum heiml ichen Küssen auf Erden. Max Dauthendey 1867-1918

Die Winterwolke spricht von Schnee Kein Vogel fl iegt im leeren Strauch. Das Gras, das gelb beim Erdreich l iegt, Ist tags noch weiß vom nächt` gen Hauch. O, armes Gras, du tust mir weh, Bist müde gleich dem Vogelvolk; Die Winterwolke spricht von Schnee. Den Weg des Todes zieht die Welt, So wie das Blut das Herz einst fl ieht Und der Gedank` in nichts zerfäl lt. Max Dauthendey 1867-1918

Dort wucherte Mohn Wir gingen in hel le Kornfelder hinein. Dort wucherte Mohn rotf leckig am Rain, Fein kl ingen dort Ähren dem Ohr Melodein Und wiegen die Köpfe leise und träge, Und heiße Dinge liegen am Wege. Nicht Körner al lein im Kornfeld gedeihn, Mohnrote Flecken, die lecken am Blut, Die können im Feld ein Brennen anstecken; Wir haben geküsst und nicht ausgeruht. Max Dauthendey 1867-1918

Du läßt mein Herz nicht schläfrig werden Im Garten hängen die Weinblätter krebsrot von den Lauben, Und Nebel , die nicht wei terziehen, machen glauben, Die Herbstwelt ist ein Wasserkasten, darin gelbe und rote Goldfische tasten. Du, Gel iebte, bist eine der Nixen mi t den si lberhaarigen Augenbrauen, Die mi t Si lberwimpern und Perlmutteraugen zwischen Pflanzenstengeln heraufschauen. Du läßt mein Herz nicht schläfrig werden und nicht rasten, Kommt Dein Ant l i tz zwischen roten Fischen zu mir geschwommen. Nicht die Nebel sind undurchdringl ich, die den Herbst durchrauchen, Undurchdringl ich sind Deine Bl icke, die wie geöffnete Muscheln mit sieben Farben auftauchen. Dein Blut ist der Strudel , der mich wi l lkürl ich dreht, Der mich fortmäht, daß mein Atem wie Nebel durch Nebel geht. Max Dauthendey 1867-1918

Du und ich! Wunschlose Seligkeit Strömt deine Nähe über mich. Der Al l tag wird zur Sonntagszei t, Unsterblich schlingt das Leben sich Um uns. Und Menschengöttl ichkeit Die enge Wel t wird wei ter Raum. Und Holz wird Eisen, Eisen Holz Und Stolz wi rd Demut , Demut Stolz. Gar wunderbare Weisen Singt dann bei seinen Kreisen Mein Blut im Paradies für mich. Es haben alle Wünsche Ruh', — Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du. Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich. Max Dauthendey 1867-1918

Ei lt euch, ei l ' dich, die Bäume blühen! Ei lt euch, ei l ' dich, die Bäume blühen! Voll Liebesblicke die Bäume stehen; Eh' du hingesehen, wi l l 's schon vergehen. Komm zu den hel len verl iebten Bäumen, Die al le Wege jetzt hochzeitl ich säumen! Sol lst dich ins Licht zu ihnen stel len, Lächelnd wird spielend sich zu dir gesellen, Daß auch dir die Bl icke verl iebt aufglühen. – Ei lt euch, ei l ' dich, die Bäume blühen! Max Dauthendey 1867-1918

Ein jedes Blatt zur Erde wi l l Es liegt ein Nebel im Morgen wie Schnee, Er tut den Blättern an den Birken wehSie fal len gelb und f lattern st i l l , Ein jedes Blatt zur Erde wi l l. Wi r gehen hinter f lat ternden Blät tern drein, Sie fl iegen ins Unbekannte hinein. So folg' ich bl indl ings. Liebste, deinem Schri tt - O, nimm mich auch einst zum Sterben mi t . Max Dauthendey 1867-1918

Ein Klumpen Eis Das verschnörkelte eiserne Tor am Park Steht vol l geschmiedeter Rosen schwarz und stark. Sie sind die einzigen Blüten bei Winterbäumen, Kahles Astholz starrrt zu den Wolkenräumen. Und unter dem Springbrunn` l iegt blendend weiß Wie ein Marmorblock ein Klumpen Eis. Im Garten leuchtet herrisch der Brocken, Daß deine und meine Schri tte stocken. Wir kehren geblendet vor` m Eishaupt um, Es starb uns die Zunge und wurde stumm. Wir durchschreiten das Tor der eisernen Rosen, Vom Todesgedanken vors Herz gestoßen. Max Dauthendey 1867-1918

Ein Rudel kleiner Wolken Ein Rudel kleiner Wolken Schwimmt durch die Abendhel le, Wie graue Fische im Meere Durch eine blendende Wel le. Und Mückenscharen spielen Im späten Winde rege, Sie tanzen zierliche Tänze Am warmen staubigen Wege. Und zwischen Wolken und Erde, Über die Bäume, die schlanken, Ziehn auf der Straße zum Monde Die uralten Liebesgedanken. Max Dauthendey 1867-1918

Eine kleine Maskenwelt Im bescheidenen Gras lebt eine kleine Maskenwelt mit Behagen, Marienkäfer, die auf den Flügeldecken Malereien wie bunte Gesichter tragen, Kleine Käfer, die sich auf die höchsten Gräser wagen, Und sich mi t vielen Beinen redl ich vorwärts plagen; Kleine Halbkugeln, die nach ihrer ändern Hälfte fragen. Al le rennen und müssen sich ihre Liebe erjagen Und tragen ihre winzigen Romane, ohne laut zu klagen. Max Dauthendey 1867-1918

Es kamen die Nachtfröste die Bäume zu morden Es kamen die Nachtfröste die Bäume zu morden, Rot stehen die Bäume im Herbsttag drin, Als sind sie Fleisch und Blut geworden Und fal len mi t blutendem Leibe hin. Sie al le verwandeln sich an den Wegen, Und viele erscheinen, die ganz verborgen. Sie heben die Arme rot aus Gehegen Und stehen als Sterbende kalkbleich im Morgen. Auch al len entwich der grübelnde Schatten, Der sommer lang um den Stamm rund lag. Sie leuchten noch einmal hel lauf im Ermatten, Und in ihren Kronen wird` s klarer Tag. Sie tragen jetzt Bi lder auf leeren Zweigen, Die ziehenden Berge, den Fluß und die Fernen. Landschaften, die blau aus den Bäumen steigen, Die verschwinden des Nachts und werden zu Sternen Die Bäume mi t Armen, wei ten und hehren, Sie ragen gleich Weisen mit großer Gebärde; Sie lehren dich mächtig Unendl iches ehren: Zu l ieben und sterben bei deinem Fleck Erde. Max Dauthendey 1867-1918

Fledermäuse Der Sommerabend mi t Hel l und Dunkel , Mit Wolken wie ein geflecktes Fell Und seinem unklaren Gemunkel Steht wie auf Zehen auf einer Stel l . Schnel l über die Köpfe der Bäume gehen Zwei Fledermäuse im irrem Kreise. Sie flattern, als ob sie Gedanken mähen, Die da vom Tag in den Lüften stehen. Sie köpfen das, was ungesehen, Was leise blieb und ungeschehen, Und girren darum als irrender Dieb Und umf l irren, was tagsüber dunkel bl ieb. Max Dauthendey 1867-1918

Geruch der Walderde Unter schwarzen röchelnden Algen, Scharfen Harzen, rothen Blättern Stumm eine qualmende Quel le. In lal lender Wel le sengender Wein. Nelken, entzündet, scharlachwi ld, Müdes Gl immen schwüler Amethysten. Kühler Narzissen weiße Stimmen Singen und Lachen im Welken. Nächte fl iehen auf eisigen Schwingen, Heiß schleichen der Wein und die Nelken. Max Dauthendey 1867-1918

Gerüche von wi ldem Rosenholz und von Maibirkenrinde, Maienhölzergerüche begleiten die Abendluft, die l inde, und sind wie die Gespielen der Blättergewinde, Geruch der harzigen Fichtentriebe, der hel len, der Weichselgeruch und der Duft von Schlehblütenzel len. Über die Gräser der Hügel an al len Stel len bergauf, bergab, kommen die Bäume zu di r durch die Luft von wei tem schon, als zögen sie atmend am Wanderstab verl iebt in al le Welt davon. Max Dauthendey 1876-1918

Gleich den Frauen lebt die Sonne... Gleich den Frauen lebt die Sonne vom Bewundern und Vertrauen. Sie kann Wetter einreißen, die sich drohend aufbauen. Auf die regendunkle Erde scheint heute die Sonne, Häl t die Luft am Boden st i l l und am Himmel der Wolken Herde, Weil sie sich lagern will wie ein sanftes Weib, Das hineintri tt mi tten in einen Strei t Leib an Leib Und die Eichen rauschen nicht mehr und stehen gebändigt umher. Weiße Wolken hinter den Wipfeln hängen wie si lberne Helme dort, Als legten die Männer die Rüstungen fort. Da darf kein wütender Schatten mehr über die Gräser jagen; Alles atmet des Weibes Behagen. Die Sonne geht warm herum Und sieht sich nur nach den Herbstspinnen um, Die ihre Netze zwischen den Ästen aufschlagen. Max Dauthendey 1867-1918

Goldene Tränen Aus der Asche gestürzter Jahre Tränen, die einst unser Glück geweint. Goldene Tränen ... 1 Weißt du noch damals? Ein Wintertag. Schnee gelb geborsten um Bautasteine. Wir hoch auf Grani t, wo die Winde horsten. Uns huldigen Täler im Sonnenscheine. Und draußen in Eis gespannt die See. 2 Nachtsti l le. Sternenäste durchqueren Weiß die blauenden Ätherauen. Im West ent fal tet grüngolden Wie Duft von Lotosdolden, Ein später Schein. Schneereste in Schlacken Begraut am Wege. Nirgend ein Laut. Sacht auf si lbernen Spulen rinnen Tausende Wasser von Felsenzinnen. In schwarzen Zügen das Schattenland.

Aus grauen Hügeln lauschen die Trolle, Tauschen Geflüster von Wand zu Wand. 3 Grünbebend ein Frühl ingsmorgen. Lichte wärmen den webenden Wald. Weiß in Schwärmen die Anemone. Und wir steigen Hand in Hand Zu dem brüchigen Runenthrone Unter jungen güldnen Eichen, Wir, Könige in Veilchenreichen. 4 Mondrot der Maienabend. Ließen das purpurne Licht uns kredenzen. In scheuen Lauben buhl te das Dunkel . Fern hat ein Waldhuhn lüstern gelacht. Bleichsüße Essenzen von den Spiräen und Sorbustrauben. Wir stürzten die schwere Schale der Nacht. 5 Lodernde Tage. Heckenrosen und Apfelknospen Flogen in rosigen Bogen Über den Lagern von goldenen Moosen. Weiße Convalien und Erdbeerblüten Sprühten kühlende Düf te. Tief aus heiml ichen Schatten umschlang Einer Amsel Silbergesang Sonne bis spät zum Ermatten. 6 Mittagssti l le. Auf violetter Schwel le am Meeressaum Gelbnackt die letzte einsame Schere. Grel l brennt der Schaum. Blank kl immen Wel le auf Wel le. In eiserner Öde zieht das Meer Blaue glühende Kreise, In eiserner Öde zischen die Wasser Streng ihre endlose Weise. Möwe und Eider in blassem Gestöber

Wehrufen, klagen, Tragen die Angst bleich in den goldenen Raum. 7 Abenddämmerung. Wühlend eine si lberne Wüste die See. Grünklaffend gewölbt Kluf t an Kluf t . Gelbmatt im Duft ein fernes Ri ff. Schwarze Seehundköpfe glotzen, Schwinden mi t bl i tzendem Pf i ff. Inselberge wie Höhlenschlunde Gähnen dunkel zum Rosenhimmel . Schweigend mi t goldenen Abendwinden Schneidet ein Segel die blanke Straße. Nach ihm eine dunkle Wunde. 8 Heiß f lossen von Kl ippen purpurträcht ig In roten Strömen die Heidesprossen. Schmächtig in Trieben der Espenhain. Grün die Mi tternachtsonne. Die Sterne sprangen. Grau kroch der Tau über Wiese und Rain, Grau im Rauch die Heide gefangen. Alles zergangen. – Max Dauthendey 1867-1918

Große Stille Schwindelnde Nebel räuchern das Tal, Luftwel t bauscht sich grau und kahl . Weder Laub noch Wiese rauscht — Große St i l le, dumpf und taub. Wolk` um Wolke ihren feuchten Platz vertauscht, Und dein Ohr den Nebeltropfen lauscht. Jeder Tropfen spricht: Es war einmal... Und die Bäume leuchten gelb und schmal . Max Dauthendey 1867-1918

Herbstraben Herbstraben sammeln sich in den Bäumen, Als ob schwarze Lappen die Äste säumen. Herbstraben bel len, die Äcker schal len, Die Raben schwarz aus den Baumkronen fal len. Sie jagen wie Furien entlang an den Hügeln Und tragen die Winternacht auf den Flügeln. Sie streichen verhexend rund um das Haus, Sie stoßen knarrende Schreie aus, Als ächzten im Berg unsichtbare Türen, Die zu den verlassensten Stuben führen. Die Raben fl iegen und fl iegen nicht weiter, Die Blätter fal len, der Waldweg wird brei ter. Und aus den Hügeln mit nassen Wangen Kommt Verlassenhei t brei t an dein Haus gegangen. Und Wolke bei Wolke ins Fenster dir speit, Und Rabe um Rabe ins Ohr dir schreit. Max Dauthendey 1867-1918

" Herbstsonne ist kal t gestiegen Herbstsonne ist kal t gestiegen, Hat einen blauen Morgen gekräft igt, Die Straße ist von Menschen beschäftigt, Häusersteine und Pflaster vol l Tag ernst l iegen. Nur der Staub darf f lücht ig wie Geister auff l iegen Und darf sich über den Köpfen der Menschen wiegen. Er, der Meister, von dem al le Gestalt gekommen, Hat sich im Herbst das Sterben vorgenommen, Stel l t sich greisenhaft und eisig kal t, Und mi t Komödiantengeste den Tod er mal t. Die Berge entfärbt er, stampft die Blum' in den Grund, Und grau auff l iegt er, mi t dem Wind im Bund, Daß al le Gedanken mi t ihm nach dem Tode trachten. Aber nur die ernst Verl iebten ihn nicht beachten Die sind stets berei t zum Leben und Sterben Und sind der Unsterbl ichkeit lachende Erben. Max Dauthendey 1867-1918

Ich bin so wei t von di r . . Die Regenwolken rauschen. Ich bin so wei t , so wei t von di r . . . Muß zu den Wolken lauschen, Sie sprechen laut mi t mir. Sie und das Reisekissen, Das deine Hand für mich genäht, Sie fragen, ich soll 's wissen, Wann's wieder heimwärts geht. Im Kissen meine Tränen, Die trocknen, ach, so schwer, so schwer. Die Luft ist vol ler Sehnen, Die Hände bleiben leer. Max Dauthendey 1867-1918

Ich gehe durch verwirrte, lärmgefül l te Gassen Rast los hin, zurück, und trete in ein unbekanntes Haus. Durch Korridore, Türen, Zimmer f inde öden Weg Und komme in den al ten, hohen Büchersaal , St i l l , wel tfern lebte hier nur sanfter Staub, Geistesabwesend schien das Saalgesicht. An al len Wänden standen weiße Schränke. Ich wi l l die Bücher sehen, Ich öffne von den st i l len Schränken einen, Es stehen große dunkle Herzen in Regalen, Herzen wie Menschen groß und mumienhaft gedorrt. Ich wußte nur noch, daß ich lesen wol l te, Ich legte mir ein Herz auf einen Tisch, und es bricht auf. Es war verstaubtes, al tes Blut darin. Äl ter und st i l ler wurde es im Saal . Es ist aus jenem Herzen jemand eingetreten. Die Schränke an den Wänden stehen al le offen, Und vor mir dichte Reihen dunkler Herzen. Die Luft wuchs eng, unsichtbar fül len Menschen dicht den Saal. Ich sehne mich hinaus, dort an der Türe si tzt ein Mensch, gelb und verdorrt, Ohne Iris und Pupi l len sieht er mich wartend an. Vergrämt und einsam sieht er aus Und war Jahrhunderte al lein. Er sieht mich wartend an mi t leeren Augen. Ich komme fast erwürgt an ihm vorbei . Dann, als ich Haus und Straße längst verlor, Erst wei t fort, wußte ich, das war der Mensch, Des Herz ich brach.

Er wol lte einzig eine Träne nur, und al le Herzen wol lten eine Träne, Sie al le warten seit Jahrhunderten. aus: ´ Reliquien` Max Dauthendey 1867-1918

Im nebelnden Abend Wir saßen im nebelnden Abend Auf der Bergbank über der Stadt. Und unsere Gedanken vergaßen Den Tag, der noch eben versank. Sternlos stand der Himmel , wie ohne Dank, Nur im Tal sich Licht bei Licht einfand. Dort rückten die Häuser zur Nacht ganz dicht Und saßen im Nebel, wie ohne Land. Ein guter Duft von welkem Laub Hing wie Honigwaben bei uns in der Luft, Als stand irgendwo hinter dem Nebelrauch Ein süßer atmender Blumenstrauch; Als sind bei den Worten, die du gesprochen, Viele Blumen rings aus der Erde gekrochen Und haben den Herbst und die Nebel vertrieben, Warme Worte, die den ewigen Frühl ing l ieben. Max Dauthendey 1867-1918

Im Spiegelglas Sie hält den Spiegel Daß ihr Gesicht zum Glas hinfäl lt Und ihre gehobene Hand Stel lt Kämme ins Haar. Das Haar bebt gewel lt. Wenn sie den Arm zum Kopf hochhebt, Lebt ihres Kleides Samt In Falt` und Wogen Um die Gestalt. Als lauscht sie auf Gras, Das im Spiegelglas wächst, Scheint sie vom Spiegel Wei t fortgezogen. Bis sie langsam vergißt Und nicht mehr weiß, Woher sie kam und wer sie ist. Dann sinkt die Hand mi t dem Spiegel lahm. Sie sieht sich stumm Errötend um, Wie eine, die geheim gelogen. Max Dauthendey 1867-1918

Im Wald der Boden von kal ten Blät tern Im Wald der Boden von kal ten Blät tern Ist vol l Geschichten von alten Jahren. Sie l iegen im Waldbuch wie bronzene Lettern Und reden wie Menschen mit greisen Haaren. Sind Hände, die mi t ten im Sommer fr ieren, Sind Tote auf blumenbekränzten Bahren, Sind Worte, die sich im Winde verl ieren; Sind Schmetterl inge, gestorben in Scharen, Verl iebte Gedanken, die gingen und waren. Max Dauthendey 1867-1918

In meinem Zimmer Nachtst i l le. Windegewimmer im Ofen. Wie seltene Orchideen Stehen im schwarzen Nachtspiegel Fremde, weiße Gedanken, Schwanken vornehm mi t ihren Kronen. Getraue die Sti l le nicht zu brechen, Engel könnten drinn wohnen. Max Dauthendey 1867-1918

Jetzt rennen die Bäche so blau daher Jetzt rennen die Bäche so blau daher, Als sind sie vom Himmel herabgeschwommen. Noch ist die Luft von Liedern leer, Doch die Bäche haben schon St imme bekommen. Noch ist die Luft so sti l l wie ein Grab, Nur meine Gedanken haben gesungen. Den Bächen ich froh das Geleite gab, Mein Blut ist mi t den Wassern gesprungen. Max Dauthendey 1867-1918

Johanni Himmel , Erde schaffenstrunken. Noch die Nächte schlürfen lechzend Des erschöpften Tages Helle, Bleiches Dunkel atmet Funken, Und das Spätl icht schleppt sich ächzend Durch die Mi ttnacht, Zu des jungen Tages Schwel le. Sonnenfeuer kochen Säfte. Blütenzarte dort versengt. Aus dem weichen Maienkosen Drangen wi l lenstarke Kräfte, Und die Sommerrei fe senkt Sinnend ihre ernsten Rosen. Satt zerrann das Frühl ingsgirren, Grimme Sensenhiebe kl irren, Halme seufzen, in der Luft, Von Vergängl ichkei t umwi t tert , Wanket schwermutweher Duf t , Und das stolze Leben zittert. Max Dauthendey 1867-1918

Johannisfeuer Auf den Bergen reiten Feuer, Werfen sich wie Ungeheuer In die Nacht luft, in den Raum; Flammen stehen hel l als Baum, Rote Flügel sich entfachen, Aus den Bergen fl iegen Drachen, Nichts häl t mehr den Berg im Zaum. Flammen sich wie Lieder wiegen — Sonne hat die Nacht erstiegen. Max Dauthendey 1867-1918

Junger Mond schleicht in den Bäumen, Lautlos scheint ein Mensch zu wandern, Kommt auf blankem, schlanken Schuh, Streicht von einem Baum zum andern. Ist ein jung vernarrter Mensch, Will das Herz der Liebsten holen; Und sein Schuh, der fing schon Feuer, Heißgelaufen sind die Sohlen. Feuer fangen auch die Bäume, Denn bald brennt der ganze Mann; Brennend sucht er nach der Einen, Die den Schuh ihm löschen kann. Max Dauthendey 1867-1918

Keine Wolke stille hält, Wolken fliehn wie weiße Reiher; keinen Weg kennt ihre Wel t, und der Wind, der ist ihr Freier. Wind, der singt von fernen Mei len, springt und kann die Lust nicht lassen, einer Landstraß' nachzuei len, Menschen um den Hals zu fassen. Und das Herz singt auf zum Reigen, schweigen kann nicht mehr die Brust; Menschen werden wie die Geigen, Geigen singen unbewußt. Max Dauthendey 1867-1918

Kinderl ied Sonne kommt herab den Berg, Sonne staubt die Augen ab, Streichelt jeden Menschenzwerg. Grüne Bäume kann sie zaubern Und den Tag von Sorgen saubern Und vergißt den Kleinsten nie. Jeder Fink bringt ihr ein Ständchen, Jedes Kind reicht ihr sein Händchen, Jeder liebt wie 'n Schätzchen sie. Max Dauthendey 1867-1918

Lenzsonne hat Lieder in allen Taschen. Kastanienknospen wiegt der Wind, Und frisches Gras am Weg sich biegt, Drinnen die Sonne sich müde l iegt. Den ganzen Tag am Fluß sie saß Und sah den Wellen zu, die sich haschen, Und singt sich Lieder an der Straß` , Die in den Wel len, den raschen, sind. Lenzsonne hat Lieder in allen Taschen, Die steckt sie ins Mieder manch schönem Kind. Max Dauthendey 1867-1918

Lieb' kennt keine Jahreszeit Sommer, der so fröhl ich war, Er entläßt der Vögel Schar, Tausend Stare weiter ziehn, Tausend Lieder jetzt entf l iehn. Auf der Wiese, die verblüht, Noch der Himmel einsam glüht, Wie die Sehnsucht, die nie stirbt Und um neue Lieder wirbt. Sitzt das Herz am rechten Fleck, Fäl l t 's nicht wie ein Herbstblatt weg, Wechselt auch der Baum sein Kleid, – Lieb' kennt keine Jahreszeit. Max Dauthendey 1867-1918

Lusamgärt lein Frühlingslieder aus Franken Dem Andenken Wal thers von der Vogelweide und seinem "Lusamgärt lein" in Würzburg Ein lustsam Gärtlein auf weißem Papier Ein lustsam Gärtlein auf weißem Papier, Nie welke drinnen Lied noch Blatt. Buchstaben stehen als Blumen hier, Aus Reim und Zei l ' es Landschaft hat. Du f indest dort den ersten Reim, Den Frühling voller Liebessinn, Bis in den Sommer vol l Honigseim. Schick' deine Augen wie Bienen hin, Jed' Lied will lustsam als Laube dienen. Max Dauthendey 1867-1918

Meerwassergeruch Ein Blau aus fliehenden Wäldern Sengend, nachtheiß. In hohler Weite schneidend weiß. Sand bis zum Erdrand. Wolkenschatten in schwarzbleichem Zug, Stumme Geier in lohendem Flug, Röchelnde Stille. Gelb zücken die Lüfte. Fern Donner Blutet schwarzrot Durch eisige Klüfte. Max Dauthendey 1867-1918

Mein Zimmer duf tet königl ich fein, Veilchenprinzessinnen zogen ein, Schwärmen und wärmen mi t weichblauen Augen, Fächeln und hauchen schmachtende Lächeln, Winken mi t feinen, vornehmen Gl iedern, Laden mich ein, Ich neige mich nieder, Ihr Page bin ich, Ihre Lippen sind mein. Ich schwöre ewige, ewige Liebe, Sie schweigen so süß, Schauen so ernst aus den schwerblauen Augen, Meinen sie, Schwüre und Blumen verwelken? Sie lächeln und weinen, Meine kleine Prinzessen. Max Dauthendey 1867-1918

Werdender Mond Die hohen Pappeln starren eisendunkel. Schwarzblaue Steine gl immen im grauen Wiesentau. Bleich fließt die Nacht. Eisgrüne Meere ziehen durch den tiefen Äther, Und ihre l ichten Wel len rühren an mein Blut. Blau, in aschenweißen Fluten, Schwingt ein dunkel Echo meines Körpers. Bleich, von meinem Fleisch, Reg entzündet Augen, meine Augen, Und mi t der blassen Strömung f l ießt mein blaues Bi ld. Der Jasmin schwimmt hel ler aus den tiefen Büschen. Seidenglanz gleißt durch das blaue Gras. Ich weiß es nicht ... es ist ... Ich sah dich schon vor Zeiten. Doch damals, mein bleiches Bi ld, Du blühtest t iefer, unergründl ich si lbern. So tönen Schatten hohl aus einer Gruft. Stei l in schwarzen Zacken loht der Tann. Mi lchhel l Lachen schweben durch die Waldnacht. An den Stämmen rinnen weiße Säfte. Hoch aus graugespaltnen Wolken Gl immt der grüne Ätherschnee.

Blauer schwellen deine Glieder, Und der Eisduft deines Fleisches Singt von fernen bleichen Ländern. In den letzten violet ten Wäldern Blühen silberblasse Schluchten, Wiegen marmorl ichte Dolden blanke Düfte. – Weiße Sehnsucht blendet scharf mein Blut. Stahlweiß brennt in Nackthei t eine Insel Aus dem schwarzgeschlossenen Nachtmeer. Und mein blauer Schatten Öffnet goldne Augen Nach den si lbernen Gestaden, Sieh der Weg l iegt blank im Äther offen! – Vol lm ond Grel lgestürzt schri l le Schluchten. Tief in phosphorgrünen Schachten Glühen stumm metal lne Spiegel , Weiß und laut los festerstarrt. Du liegst eingegossen blau Vor mir in dem klaren Erz. Und ich knie nieder, Meine Augen beten: Strahle deinen blauen Atem in mein Blut. Blaue Schatten knien an den Ufern. Lächeln in die Silberspiegel, Ihre gelben Augen singen hel l und dunkel . Al le, Kinder dieser bleichen Insel. Blaue Wesen, die der Mond geboren. Und die Feuer ihrer Augen Glühen hell die Sprache ihres Schweigens. Aus den weißen Spiegeln blühen Blaue Echo ihrer Schatten. Jeder betet zu dem eignen Bi lde. Ihre goldnen Phosphoraugen Küssen heiß sich selber im Metall, Und die blauen Wesen schmelzen bleichend, In das eigne blaue Spiegelbi ld.

Durch die grünen Einsamkei ten Wal l t der Klagelaut der Bl idatulpen, Und die elfenbeinbleichen Kelche Gießen Schnee. Hoch am schneeigen Schachtrand Rauschen weiß die Schwanenbäume, Und aus grünem Eis die Blüten Schwingen mi t kristal lenen Flügeln Auf und nieder. Si lbermatt ihre Wel lensänge Gleiten durch die erznen Spiegel, Das Metal l schwingt mi t den Düften, Und sie wiegen dich im Lächeln Ätherblau auf ihrem Si lber. O, ich l iebe dich mein Knabe, Und mein Blut wi l l mi t dir bleichen, Und in einer blauen Wel le mit dir schwingen. Grüner glühn die Phosphorkl ippen, Und die erznen Seen spannen Heißer, blanker ihre Spiegel. Tief bin ich in dich geschmolzen, Weich in einer blauen Flamme Tönen wir im bleichen Si lber. Ringsum zucken aus dem Spiegel Kalt die weißen Seedakelche. Blendend bleichen ihre Düfte Unseres Atems tiefste letzte rote Wel le. Wir erstarren schweigend glühend, Weiß im weißen erznen Spiegel. Schw indender Mond Bleich von Phosphor grünt die Sti l le. Hochauf jagen starr eisfahl die Wände. Schwarz am weißen Kluftrand brennt die Äthernacht. Kupferfeurig einer roten Scheibe Bogen Schwi l lt am weißen Schachtsaum,

Und die wilde Röte leckt Murmelnd an dem blassen Eis. Auf der höchsten blanken Kl ippenstufe Zi ttert i r isviolet t eine dünne Tojablüte. Weiße Fühler aus den rosigen Schuppen Züngeln, tasten schlank gereckt Nach der Glut der roten Scheibe. Sieh, mein Liebl ing, unsere blaue Flamme Blüht mattdünn, gespal ten in zwei schwachen Blättern. Feuerkeime sinken von der roten Scheibe. Jener rote Bogen in dem schwarzen Äther Ist die Erde. Schon zur Häl fte überf lutet Schweres Rot den schwarzen Mund des Schachtes. Schwarze Ströme rol len nieder. Dunkel welkt die grüne St i l le, Und der weiße See erlischt aschendüster. Stumpf wälzt der trübe Spiegel Grau zerwühl t mein Si lberbi ld. Tief in grauerloschnen Gründen Kochen wetterfahl die erznen Seen. Eisenwel len sträuben schwarzen Schaum. Mi t den blauen Schatten wandeln wir, Bleich in bleichem Kreise um die dunklen Ufer. Al le, die einst lächelnd vor dem eignen Bi lde knieten, Seufzen einsam. Rot in heiserm Scharlachschrei Schwillt die Feuerscheibe lauter. Rot in Tropfen zünden sich Pupillen. Und die Schatten recken sich gerötet. Hoch aus schwarzem Äther Rollt die Feuerblüte näher. Schwarze Kohlenäste sprießen, Sprühen Asche auf das bleiche Eiland. Ätherrauch erstickt das hel le Eis. Ferner rinnt das Singen welker Blüten.

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